24.11 / Neubau Wohnhochhaus Rankstrasse, Basel
Projektwettbewerb 2024
Planungsteam
Auftraggeber – Einwohnergemeinde der Stadt Basel
Architektur – op-arch | Lou Jeandel, Manuel Kost in Zusammenarbeit mit Salathé Architekten, Basel
Bauingenieurwesen – dsp Ingenieure + Planer AG, Zürich
Baumanagement – HSSP AG, Zürich
Gebäudetechnik – Anima Engineering AG, Basel
Brandschutz – RISAM AG, Basel
Nachhaltigkeit – Gartenmann Engineering AG, Basel
Bauphysik, Akustik – BAKUS Bauphysik und Akustik AG, Basel
Fassadenplanung – NM Fassadentechnik AG, Basel
Visualisierung - Filippo Bolognese Images, Milan
Das sozial nachhaltige Wohnhochhaus
Die urbane Vielfalt, die städtische Dichte fehlt dem Standort an der Rankstrasse. Das Haus steht isoliert zwischen bestehenden und geplanten Verkehrsinfrastrukturen und dem zukünftigen Neubau der BVB-Busgarage. Es gilt, einen Mikrokosmos für das Wohnhochhaus zu entwerfen, welcher mit dem Typus eines Grandhotels in den Bergen vergleichbar ist.
«Viele Qualitäten, die heute von nachhaltigen Überbauungen sein müssen, finden sich im Grandhotel», schreiben Ruedi Weidmann und Andreas Hofer im tec21 Ende August 2013. «Es ist kompakt, dicht, vereint Wohnen und Arbeiten, ist sozial durchmischt und darauf getrimmt, mit seinen Räumen hohe Lebensqualität zu schaffen», beschreiben sie im Artikel das Grandhotel als Metapher für Dichte und Lebensqualität.
Die Kultur der Nähe soll an diesem «Unort» komplexe Lebensentwürfe, kollektive Organisation der Kinderbetreuung, neue Formen von Heim- und Teilzeitarbeit, von Geselligkeit und Mitbestimmung, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, vereinen. Alle diese Bedürfnisse brauchen Möglichkeitsräume und werden das Erdgeschoss bei bezahlbarem Wohn- und Lebensraum zu unterschiedlichen Tageszeiten neu beleben. Die Kraft von dichten, integrierten und hybriden Gebäudekonstellationen, wie die der Grandhotels, dient hier als Metapher für das lebendige Zusammenleben im neuen Wohnhochhaus an der Rankstrasse.
Die gute Balance von Zielkosten und Nachhaltigkeit
Die Anforderungen an die Planung von preisgünstigem Wohnraum im Wohnhochhaus (20% unter den Marktmieten) sind sehr hoch. Das gute Verhältnis von einer langfristig attraktiven Ertragsfläche zum umbauten Raum (HNF, GF, Gebäudevolumen) und die Einhaltung der Zielkosten von CHF 3‘600/m2 Geschossfläche sind dabei zentral. Das Verhältnis der Hauptnutzfläche zur Geschossfläche beträgt 74% und ist damit vergleichbar mit einem genossenschaftlichen Wohnhaus unter der Hochhausgrenze. Die Zielkosten von CHF 3'600/m2 Geschossfläche der im Projekt erreichten 15‘532 m2 verteilen sich auf 23 Geschosse, 119 Wohnungen und 19 Schaltzimmer. Das Gebäudevolumen wird im Sockelbereich, an für Wohnnutzung ungeeigneter Lage, zurückgeschnitten, um einen möglichst hohen Wohnanteil in den oberen Geschossen zu generieren.
Setzung und Stadträumlicher Kontext
Der unmittelbare Kontext im wilden Osten von Basel ist heute geprägt von grossen Infrastrukturbauten: Bahntrassee und Gleisbogen, sowie eine massstabslos wirkende Bushalle. Für eine potentielle Entwicklung des Stadtraumes Ost als Wohnort ist der Neubau des Wohnhochhauses deshalb ein wichtiger Baustein, der als stadtseitiger Auftakt und identitätsstiftender Ort gelesen werden kann. Wie beim Judo, geht es hier darum, die Kraft des Gegenübers zu seinen Gunsten zu nutzen. Die städtebauliche Setzung entwickelt sich deshalb aus einer Art Koexistenz mit der Parkgarage. Die direkte Verbindung zum begrünten Dach auf dem 9. Geschoss schafft einen Hochhausgarten und ergänzt die Sockelnutzungen. Übergeordnet fügt sich der Turm in die Abfolgeordnung der Hochpunkte entlang des Rheins und schafft damit eine durchlässige Stadtlandschaft im Osten von Basel.
Adressierung und Massstab
Zentral für die Qualität der Verortung ist an dieser Stelle der Stadt das Schaffen eines lebhaften und identitätsstiftenden Erd- und Sockelgeschosses. Die unteren Geschosse sind entscheidend für die Einbindung und Adressierung des Turms und prägen die Wahrnehmung der neuen Lebenswelt. Wir schlagen vor, die drei bodennahen Geschosse mit gemeinschaftlichen Nutzungen zu belegen und als durchlässiges Ganzes zu verstehen. Eine offene, zum Teil bewachsene und mit Photovoltaik belegte Struktur aus Reuse-Elementen schafft aneignungsoffene Räume, die sich auch langfristig den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner anpassen können.
Sparsamkeit und pragmatische Schönheit
Wie viel ist genug? Suffizienz stellt die Frage nach dem Maß dessen, was Menschen benötigen, um ein ressourcenschonendes und gutes Leben zu führen. Dabei geht es um weit mehr als nur darum, möglichst effiziente Technologien zu nutzen. Menschen pflegen einen suffizienten Lebensstil, wenn sie ihr Verhalten bewusst danach ausrichten, was für ein gutes Leben wirklich nötig ist und nicht was maximal vorstellbar ist. So wird die Umwelt geschont und Lebensqualität geschaffen. Das bedeutet nicht, auf alles zu verzichten, sondern bewusst auszuwählen, zu teilen und zu tauschen. Dementsprechend verstehen wir die Frage nach kostengünstigem Wohnen als Anregung, um einerseits über neue Möglichkeiten eines flächenoptimierten und gemeinschaftlichen Zusammenwohnens nachzudenken, und andererseits als Ansporn, die Ressourcen effizienter zu nutzen. Mit unserem Vorschlag für das Wohnhochhaus RANK wollen wir einen Rahmen für ein lust-volles suffizientes Leben schaffen. Wir glauben an eine Schönheit, die sich aus den pragmatischen Ansprüchen an das tägliche Leben entwickelt und sind zuversichtlich, diesen neuen Ort in der Stadtgeographie als gemeinschaftlichen Wohn- und Lebensort zu entwickeln.
Die Grundrisszwillinge
Das Grundrisspaar bildet jeweils den orientierend vorgeschlagenen Wohnungsspiegel in diesem Verfahren. Eine 5 ½ Zi.-Wohnung, zwei 4 ½ Zi.-Wohnungen, drei 3 ½ Zi.- Wohnungen und eine 2 ½ Zi.-Wohnung bilden ein Geschoss. Das um ein Stockwerk tiefer liegende Geschoss bietet im Süden eine 6 ½ Zi.-Grosswohnung, eine 5 ½ Zi.-Wohnung im Nordwesten, je eine 4 ½ Zi.-Wohnung im Südwest- und im Nordostteil sowie eine 3 Zi.-Wohnung im Westen.
An der Ostfassade liegen zwei Schaltzimmer mit einem Bad, diese können einzeln je zur 6 ½ Zi.-Wohnung und zur 4 ½ Zi.-Wohnung zugeschlagen werden, oder beide zu der 4 ½ Zi.-
Wohnung, so dass auch eine 6 ½ Zi.-Grossfamilienwohnung angeboten werden kann. Neben der Funktion als Schaltzimmer können diese Räume zusammen auch als Hotelapartment an-geboten werden. Falls kein Bedarf für eine Wohnnutzung besteht, kann das zur Erschliessung verglaste Zimmer als Gemeinschaftsraum oder als Atelier genutzt werden.
Die beiden Gemeinschaftsgeschosse
Die Gemeinschaftsgeschosse im 9. und 16. Stockwerk beherbergen je vier Studios, ein Waschsalon im Osten und zwei Gemeinschaftsräume im Norden und Süden. Diese Räume verfügen alle über einen grossen, vom Wetter geschützten Aussenbereich mit umgebender Bepflanzung.
Die Kollektivgeschosse
Die Kollektivgeschosse im 1. und 2. Obergeschoss nehmen die im Raumprogramm gewünschte Werkstatt mit direkter horizontaler Anbindung an das Veloparking, das Besprechungszimmer, die Atelier- und Hobbyräume sowie die Waschräume auf. Der grosse, zweigeschossige Freizeit-raum für 50 Personen ist im Erdgeschoss in Kombination mit einer Brasserie platziert.
Das Dachgeschoss
Als zusätzliches, nicht im Programm ausgewiesenes Angebot, steht den BewohnerInnen und deren Gästen auf dem Dach des Hauses ein Badehaus mit Sauna und Fitness zur Verfügung.
Das Wohnhochhaus für alle
Das kinder- und familiengerechte Wohnhochhaus
«Wenn schon hoch hinaus, dann kinderfreundlich», so das Plädoyer von Marco Hüttenmoser in seinem Beitrag zum Thema «Kinderfreundlich verdichtet Bauen». Die Kinder sollen sich in unmittelbarer Umgebung ihrer Wohnung frei bewegen und andere Kinder treffen können. Durch die räumliche Öffnung im Zentrum jedes zweiten Geschosses der gemeinsamen Erschliessung wird ein visueller und akustischer Kontakt hergestellt und mittels verglaster Stirnseite im Treppenhaus die selbstständige Begegnung untereinander möglich. Der kinderfreundliche Massstab, wie z.B. ein zweites, tieferes Treppengeländer in erreichbarer Höhe, spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle.
In den Gemeinschaftsgeschossen im 9. und 16. Stockwerk steht neben einem Waschsalon und dem Gemeinschaftsraum auch ein eigens für die Kinder gestaltetes Spielzimmer mit Terrasse zur Verfügung. Hier spielen Nachbarskinder der Sechser-Stockwerkgruppe. Direkt gegenüber können Betreuungspersonen den Mittagstisch vorbereiten. Für die älteren Kinder werden in der unmittelbaren Umgebung des Erdgeschosses weitere Spielflächen angeboten, die mit der Natur in enger Verbindung stehen. Neben den klassischen Spielgeräten sind die «Pfützen» der Retentionsmulden der Dach- und Balkonentwässerung, die wilde Vegetation und die geordneten Pflanzflächen weitere Spielmöglichkeiten.
Das Wohnhochhaus für ältere Personen
In den flexibel unterteilbaren Geschossgrundrissen können auch grössere Wohngemeinschaften für ältere Personen konzipiert werden. Die Anzahl Personen der Wohngemeinschaft ist bis auf ein ganzes Geschoss verteilt möglich. Die etwas grösseren Wohnzimmer werden an Paare zur Verfügung gestellt, und je nach Bedarf werden ein- oder zwei Wohnzimmer zum Essraum umgenutzt. Die 2-Zimmerwohnung an der Südfassade, mit direktem Zugang zum umlaufenden Korridor, eignet sich bestens für eine Betreuungsperson.
Das Wohnhochhaus für Insekten und Vögel
Das Gebäude ist nicht nur ein Zuhause für viele Menschen, sondern es soll auch mit einer Lebensraum- und Strukturvielfalt Lebensräume für Flora und Fauna ermöglichen. So sind in den unteren Geschossen unter den ausgeklappten PV-Modulen Nistplätze für Mauersegler geplant. Auf den offenen Zwischengeschossen und auf dem Dach sind biodiverse Bepflanzungen vorgesehen, die Verstecke, Aufwärmestellen und Überwinterungsplätze bieten. Zentral ist selbstverständlich die Vernetzung der Aussenräume im Erdgeschoss: Hier bietet sich die Chance, mit diverser Vegetation und schwammstadttauglichen Böden eine Grundlage für ein vielfältiges und biodiverses Leben zu schaffen.
Das nachhaltige Wohnhochhaus
Mit einem geringen Fussabdruck und einer effizienten Fassadenabwicklung bietet das Gebäude eine optimale Ausgangslage für geringe Erstellungskosten und -emissionen. Sowohl die Zielkosten wie auch die Zielemissionen pro m2 können erreicht werden.
Mit dem Vorsehen von Brettstapel- oder Betonverbunddecken werden die Emissionen der Erstellung des zentralen Elements in der Ökobilanz auf das mögliche Minimum reduziert und den Schlaf- und Wohnräumen ein wohnlicher Charakter verliehen. Zur weiteren Optimierung der Gebäudeökobilanz werden opake Fassadenbereiche mit ReUse Blechen verkleidet. Emissionen in der Betriebsphase werden mit einer erneuerbaren Energieversorgung auf null reduziert. Die Wärmeversorgung des Gebäudes erfolgt mittels Fernwärmeanschluss und die Stromversorgung wird über eine PV-Fassadenanlage mit Tagesspeicher gewährleistet. Im Sinne von NettoNull dienen die hohen PV-Eigenerträge dazu, mit dem Energieüberschuss die Erstellungsemissionen des Gebäudes zu kompensieren.
Effiziente Grundrisse ermöglichen eine hohe Ausnutzung der Gebäudegrundfläche sowie ein gutes Verhältnis von Hauptnutzfläche zur Geschossfläche und damit geringe Wohnkosten. Für einen hohen Nutzerkomfort werden Gemeinschaftsräume und -zonen vorgesehen, welche die soziale Durchmischung fördern und den Nutzenden Raum zur Mitgestaltung bieten. Für eine langfristige Nutzbarkeit des Gebäudes, können Grundrisse einfach an ändernde Bedürfnisse angepasst werden. Dazu wird das Gebäudetragwerk als Stahlbetonskelettbau konzipiert und Wohnungstrennwände in einfach anpassbarer Leichtbauweise geplant. Dies bietet den Vorteil von geringen Erstellungsemissionen sowie einer sortenreinen Rückbaubarkeit der Baustoffe.
Tragwerk
Vertikaler Lastabtrag: Das Tragwerk des ca. 70 m hohen Wohnhochhauses wird als wirtschaftlicher Skelettbau in Massivbauweise konzipiert. Für das Deckentragwerk der Wohnungen wird ein gerichtetes und statisch sehr effizientes System vorgeschlagen, welches aus vorfabrizierten Betonunterzügen sowie einer flächigen teilvorgefertigten Decke besteht und auf vorfabrizierten hochfesten Fertigteilstützen ruht. Der innere Ring um den Kern wird mittels 6 cm hohen Filigranelementen erstellt, die im Bauzustand als verlorene Schalung für den Überbeton dienen. Die fassadenseitigen Deckenfelder werden hingegen mit einer Holz-Beton-Verbundkonstruktion aus 10 cm hohen Brettstapelelementen in Verbindung mit einer ebenfalls 12 cm starken Überbetonschicht erstellt.
Diese sehr rationelle Konstruktionsweise ermöglicht durch die dünnen Decken und den Einsatz der Brettstapelelemente eine Materialeinsparung im Vergleich zu einer konventionellen Flachdecke und reduziert die Lasten, was sich vorteilhaft auf die Fundation und die Horizontalstabilität auswirkt. Zusätzlich zu den Aspekten der Nachhaltigkeit schenkt die Anwendung des Materials Holz für die Deckenuntersichten den Räumen ein warme Atmosphäre.
Horizontal-Stabilität: Die Aussteifung des Gebäudes gegenüber Horizontaleinwirkungen aus Wind und Erdbeben erfolgt über den zentral angeordneten Erschliessungskern sowie in Querrichtung über zusätzliche Wohnungstrennwände, welche bis zur Bodenplatte durchlaufen. Durch die möglichst symmetrische Anordnung wird ein konzeptionell günstiges Verhalten erreicht. Die beiden Untergeschosse werden mit Hilfe der Aussenwände als steifer Kasten ausgebildet, welcher die über die UG-Deckenscheiben weitergeleiteten Lasten gleichmässig in den Baugrund einleitet.