10.09 / Schulanlage Blumenfeld, Zürich

Fertigstellung, 2016
Studienauftrag, 1. Preis, 2010

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Funktionsdiagramm

Planungsteam
Auftraggeber – Stadt Zürich, Immobilien-Bewirtschaftung
Architektur – Hanspeter Oester Reto Pfenninger Architekten / Julia Rubin (PL), Julian Amann,
Stefan Berle, Heike Biechteler, Britta Brauer, Melissa Flores, Olympia Georgoudaki, Mirza Kalac,
Johannes Leibundgut, Florian Schrott, Stefan Willener, Eric Wolfensberger
Kunst – Blanca Blarer, Costa Vece
Landschaftsarchitektur – Nipkow Landschaftsarchitektur AG
Kosten und Bauleitung – GMS Partner AG
Tragwerk – Büro Thomas Boyle + Partner AG
Gebäudetechnik – Amstein + Walthert AG
Spezialisten – Axet GmbH, BAKUS Bauphysik & Akustik GmbH,
Braun Brandsicherheit AG, Friedli Partner AG
Fotografie – Reinhard Zimmermann

Projektbeschrieb

Schulhäuser markieren seit jeher einen besonderen Ort im Gefüge der Stadt, für Generationen von Kindern, deren Eltern, aber genauso auch für die ganze Bevölkerung im Umkreis. Sie werden zu unterschiedlichen Tageszeiten und vielfältig genutzt, sind die robusten Allrounder des Gemeinwesens. Oft sind Schulhäuser als Gebäude ausgezeichnet, stehen frei und gut sichtbar in der Mitte ihrer Parzelle, umgeben von Pausenplätzen und anderen Freiflächen. Wegen ihrer Bedeutung sind die Standorte mit Umsicht zu wählen, und erst wenn das Schulhaus steht, ist ein Quartier so richtig «angekommen» in der Stadt.

Beim Neubaugebiet Ruggächer in Zürich-Affoltern verhält es sich nicht anders: Mit der Schulanlage Blumenfeld erhalten die grossen Wohnsiedlungen, die in den letzten Jahren an der Mühlackerstrasse gebaut wurden, endlich eine Mitte – einen Ort, der von nun an im Leben vieler Bewohnerinnen und Bewohnern eine wichtige Rolle spielt. Rund 6000 Personen sind in den letzten zehn Jahren in das Quartier Affoltern gezogen, weit mehr als die Hälfte davon in das Gebiet Ruggächer. Da von den verschiedenen Bauträgern grösstenteils Wohnungen für Familien erstellt wurden, leben nun 700 Kinder im Alter zwischen 0 und 16 Jahren in den Neubauten zwischen der Bahnlinie Seebach-Regensdorf und der Mühlackerstrasse. Bis anhin besuchten sie ein Provisorium aus «Züri-Modular»-Pavillons, nun können sie in den grossen Neubau umziehen. Die Schulanlage Blumenfeld ist für 2.5 Klassenzüge ausgelegt; das entspricht 5 Kindergärten und 15 Primarklassen oder 440 Kindern. Bei Bedarf kann das Schulhaus in Zukunft auf 3.5 Klassenzüge erweitert werden. Alle Vorkehrungen dafür wurden planerisch und baulich bereits jetzt schon getroffen.

Das Grundstück der Schulanlage liegt zwar nicht direkt im Zentrum des Neubaugebiets, strahlt dafür aber – und das ist für das ganze Quartier von Bedeutung – weit über Ruggächer hinaus. Es liegt an der Blumenfeldstrasse, welche die Bahnlinie kreuzt (seit 2014 mit Personenunterführung) und somit eine wichtige Querverbindung schafft. Generell zeichnen sich Schulhäuser abgesehen von ihrer Positionierung an einer günstigen Lage oft durch ihre bauliche Andersartigkeit aus. Sie sind ein spezieller Stadtbaustein, und das sieht man ihnen in der Regel an. Auch in dieser Hinsicht bildet die Schulanlage Blumenfeld keine Ausnahme, allerdings im umgekehrten Sinn: Während früher das Schulhaus eines der mächtigsten Gebäude im Umkreis war, ist das Blumenfeld der flachste Bau im Ruggächer. Rundherum wuchsen fünf- bis siebengeschossige Wohnbauten in die Höhe – das Schulhaus bleibt buchstäblich am Boden, präsentiert sich mit seinen umlaufenden Fassadenbändern als breit gelagertes Gebäude und verströmt Ruhe und Gelassenheit. Dass der Bau sachlich und fast wie eine grosse Werkstatt wirkt, ist durchaus gewollt: Er ist noch nicht «fertig»; in und mit diesem Haus kann man arbeiten.

Zu der horizontalen, liegenden Ausrichtung passen als landschaftliche Elemente die Terrassen, die rund um das Haupthaus angeordnet sind. Sie sind eine Folge der Höhendifferenz von fünf Metern über die ganze Länge und vermitteln als ausladende Plattformen zu den angrenzenden Strassen. Als prominenteste Terrasse wird sich der erhöhte Sportplatz an der Mühlackerstrasse erweisen – unter dem das beträchtliche Volumen einer Dreifachturnhalle liegt. Zur Anbindung an die umliegenden Überbauungen trägt ein öffentlicher Weg bei, der am Sportplatz vorbei quer durch das Gelände führt. Am Weg liegen wie selbstverständlich die Haupteingänge in das Gebäude: Man kann in die Tiefe zur Mehrzweckhalle und den Turnhallen steigen oder hoch in die Bibliothek und zu den Schulräumen. Grosszügige, mehrgeschossige Foyers und Treppenhäuser schaffen in diesem wichtigen Scharnier Übersicht in alle Richtungen. Da Schulhäuser heute neben ihrer Aufgabe als Bildungsstätte auch eine wichtige öffentliche Funktion erfüllen, kann im Blumenfeld der ganze nördliche Teil mit den Sporthallen, der Bibliothek und den Gruppentherapieräumen vom Schulbetrieb abgekoppelt und separat betrieben werden.

Zeigt sich die Schulanlage von aussen kompakt und einheitlich, offenbart sich im Inneren ein komplexes Gefüge mit allerlei unterschiedlichen Räumen, Zonen und Nischen. Das eigentliche Klassenzimmer ist in der zeitgenössischen Auffassung von Schule noch ein Raum unter mehreren, in dem Unterricht stattfindet. Ebenso gibt es die einzelne homogene Klasse nicht mehr; in der Stadt Zürich spricht man heute von der «Schulgemeinschaft». Das Schulhaus Blumenfeld bildet diese Gemeinschaftsidee in den beiden Obergeschossen sehr schön ab: So zweigen etwa kurze «Gassen» von der «Hauptstrasse» ab und führen auf kleine «Plätze» an Innenhöfen. Alle Zonen können möbliert und somit aktiv genutzt werden. Die Kleinteiligkeit erlaubt auch im grossen Verband der Schulanalage individuelle Varianten. Die Schulzimmer stehen quer zur Fassade und werden zusätzlich über den Innenhof von einer zweiten Seite her belichtet. Alles ist eng miteinander verwoben – eine Infrastruktur für einen lebendigen Organismus.

Ähnlich – und doch leicht anders – ist der Kindergarten im ersten Obergeschoss organisiert. Die Räume sind hier sogar über vier Meter hoch, damit das Tageslicht bis in die hinterste Ecke dringen kann. Jedem Kindergartenzimmer ist ein Gruppenraum zugeteilt, jeweils zwei Zimmer teilen sich eine gemeinsame Vorzone mit Garderobe. Über eine «Gasse» gelangt man hinaus auf eine weitere breite «Strasse» und gegenüber liegen sieben Horträume für die Tagesbetreuung. Fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler in Zürich nehmen heute einen Betreuungsplatz in Anspruch. Um dem wachsenden Bedürfnis Rechnung tragen zu können, plant die Stadt Zürich, bis 2025 in der ganzen Stadt die Tagesschule einzuführen. An einem Pilotprojekt wird der Betrieb zunächst getestet; beteiligt sind sieben Schulhäuser, darunter das Schulhaus Blumenfeld. Die benötigten Flächen für eine Tagesschule wurden schon früh eingeplant und stehen jetzt zur Verfügung. So ist die Schulanlage Blumenfeld vom ersten Moment an bereits an der Zukunft beteiligt.

Text: Caspar Schärer