22.05 / Wohnsiedlung Altwiesen-/Dübendorfstrasse, Zürich-Schwamendingen

Projektwettbewerb 2022

Planungsteam
Auftraggeber – Einfach Wohnen
Architektur – op-arch
Baumanagement – HSSP AG, Zürich 
Tragwerk – Büro Thomas Boyle + Partner AG, Zürich
Gebäudetechnik – s3 GmbH, Zürich
Elektroplanung – Thomas Lüem Partner AG
Visualisierung – indievisual

Projektbeschrieb

WAHLVERWANDTSCHAFTEN

Gerne würden wir den Roman von Johann Wolfgang von Goethe umschreiben und mit dem Hinzukommen unserer beiden neuen Protagonisten den Mehrwert einer diversen Gesellschaft beschreiben, welche nicht wie bei Goethe ins Chaos, sondern in ein lebendiges Miteinander unterschiedlicher, aber doch eben verwandter Charaktere führt. In Abstimmung zur 1. Etappe von Boltshauser Architekten nehmen Ausdruck, Struktur, Materialisierung und Farbigkeit der Neubauten einen unmittelbaren Bezug zur geplanten Überbauung auf und sollen ein «gleich und trotzdem anders» vermitteln.

DIE TOPOGRAFIE, DIE SCHLANKHEIT UND IHRE KNICKE 

Die Anforderung der Topografie, gepaart mit der Idee der Knicke im schlanken Bauvolumen sind die grundlegenden Parameter für die Figur. Mit der Platzierung des Personenliftes an der Schnittstelle der Knicke auf der einen Längsseite und dem Versatz der Balkonschicht auf der anderen, der gegenüberliegenden Seite, wird die Gestaltungsabsicht der Knicke im Volumen überhöht. An beiden Enden werden für das Volumen «Köpfe» mit einer Ausdrehung der Nutzungsschicht in Richtung Norden oder Süden ausgebildet.

STRUKTUR UND PROGRAMM

Die beiden Baukörper sind in ihrem strukturellen Aufbau aus Holz und der Organisation der vertikalen Erschliessung identisch. Ein abschliessbares Treppenhaus mit maximal möglicher Fluchtwegdistanz von 35m aus beiden Richtungen und mit dem in den Knick gesetzten Liftturm stellt das Grundgerüst für das Wohnen und die individuellen Programmteile in den jeweiligen Baukörpern fest.

Im Haus 1 an der Ecke Glattwiesenstrasse/Altwiesenstrasse wird der Kindergarten im langen Schenkel auf das Erd-, resp. Oberschoss mit zusätzlicher, interner Verbindungstreppe aufgeteilt. Die etwas grösseren Wohnungen der Wohnbauförderung liegen im abgesetzten Kopfteil.

Im Haus 7 kommuniziert der zweigeschossige Gewerberaum mit der unmittelbar anliegenden Dübendorferstrasse und fünf Maisonnettewohnungen im 5. Obergeschoss prägen den turmartigen Kopfteil. Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss ist Teil der Umgebung im inneren Garten der Anlage.

DAS WOHNGRUNDMODUL

Das Wohngrundmodul von 11.00 x 3.00 m i.L. steht für kleine Spannweiten und für einen kompakten, effizienten Wohnflächenverbrauch der beiden Häuser. Eine 3.00m tiefe Veranda und der gegenüberliegende, 1.80m breite Laubengang sind Teil der Primärstruktur. Das Badmodul im Innern zoniert in den «privaten» Teil des Wohnens wie Wohnen, Schlafen und Veranda. Zusätzliche Zimmer für die grösseren Wohnungen sind über die Mittelzone beidseitig zuschaltbar.

KONSTRUKTION - ÖKONOMIE, ÖKOLOGIE UND GESELLSCHAFT

Die Konstruktion der Gebäude verbindet die Ansprüche der Raum- und Ressourcen-Suffizienz, der Energieeffizienz, der Systemtrennung, der Bau-biologie und des Nutzerkomforts und zielt auf die Einhaltung des engen Kostenrahmens innerhalb der Rahmenbedingung, maximal 0.5t CO2/Person zu verbrauchen. Die effiziente Grundrissorganisation, welche in den Wohnungen Erschliessungsflächen möglichst vermeidet, die Verwendung erneuerbarer und rezyklierter bzw. rezyklierbarer Baustoffe, der Fokus auf die örtlichen spezifischen Anforderungen an die Bauteile und damit der Vermeidung unnötiger Funktionen oder Schichten, der hohe Grad an Repetition, die weit-gehende Trockenbauweise mit schneller Erstellungszeit, sowie eine schlanke Haustechnik mit minimalen Leitungslängen ermöglichen eine ökonomische wie ökologische Bauweise. Eine Bauweise, welche durch ihre konsequente System-trennung einen ökonomischen Unterhalt und die zukünftige Adaptierbarkeit an geänderte soziale und gesellschaftliche Bedürfnisse wird leisten können.

Das primäre Tragsystem mit kleinen Spannweiten, die dem kompakten Wohngrundmodul entsprechen, ist in allen Wohngeschossen mit Holzstützen und -balken linear aufgelöst. Die flächigen Bauteile folgen ihren spezifischen Anforderungen: Für die Decken kommen auf den peripheren Balkonen und Laubengängen schlanke Fichten-Mehrschichtplatten mit Lärchen-Holzrosten zum Einsatz, innerhalb des Dämmperimeters vorfabrizierte, schlanke Platten aus Recyclingbeton. Sie dienen auch dem Schallschutz und als effiziente Wärmepuffer. Der darüberliegende, leichte Trockenaufbau dient als Installations- und Nutzschicht. Auch die Holzständer-Leichtbauwände zwischen den Zimmern und Wohnungen dienen als Installationsschicht. Die Gebäudehüllen liegen jeweils in einer Tragachse und nutzen die Stützen des Tragwerks zur Stabilisierung der ausgeflockten Holzkonstruktionen und -fenster. Die Bauteile bringen wenig Last ins Gebäude, womit wenige Stahlbetonwände für die Aussteifung genügen.

TRAGWERK

Die siebengeschossigen Wohnhäuser werden in einer Holz-Beton-Hybridbauweise erstellt. In den Wohngeschossen mit ausgeprägter Rasterung mit Querachsen alle 3.2m sind Decken in Holz-Beton-Verbundbau geplant mit Balken in den Querachsen. Dazwischen gespannte, 12cm starke, vorfabrizierte Betonplatten können über die offene Untersicht Wärme mit dem Raum tauschen. Ein Vergussmörtel auf dem Balken zwischen den Plattenenden erzeugt den Verbund Beton-Holz, aber auch zwischen den Platten, damit eine aussteifende Deckenscheibe gebildet wird. Im Laubengang und auf den Balkonen bildet eine Mehrschichtplatte ohne Verbund zum Balken die Decke. Der Balken ist auf der Seite Laubengang auskragend und auf der Balkonseite auf Stützen am Deckenrand gelagert. Zwei innere Stützen sowie Stützen in den Fassaden sorgen für kleine Spannweiten mit entsprechend kleinen Abmessungen im Balken- und Stützenquerschnitt. Die nichttragenden 'Stützen' am Rand der Laubengänge dienen der Raumbildung und als Gerüst für sekundäre Bauteile wie Geländer oder PV-Module.

Dort wo in den unteren Geschossen die Nutzung grössere Spannweiten verlangt und Balken für die Führung der Haustechnikleitungen nachteilig sind, wechselt das Tragwerk in ein Stützen-Platten-System aus Stahlbeton. Die Stützen aus den Wohngeschossen werden linear weitergeführt mit Ausnahme der Fassadenstützen, die auf einer Abfangdecke gelagert sind. Die erhöhte Deckenstärke kann gleichzeitig die Problematik der Luftschallübertragung ins unterste Wohngeschoss lösen. Für alle Ortbetonbauteile ist der Einsatz von Zement mit niedriger CO2-Belastung (CEM II oder CEM III) vorgesehen.

Die Aussteifung erfolgt über die mittragenden Stahlbetonwände der dreiseitig geschlossenen Treppenhäuser sowie einzelne ergänzende Wände in Quer- und Längsrichtung.

NACHHALTIGE  TECHNIK

Um das Ziel der minimalen Technisierung konsequent umzusetzen und die hohen Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen, wurden die Grundrisse so ausgestaltet, dass die nötigen Leitungslängen minimiert werden. Zudem wird auf schlanke, robuste Haustechniksysteme gesetzt, welche nicht nur die Umweltauswirkungen reduzieren, sondern auch die Kosten im Betrieb tief halten. In der Mittelachse der Gebäude sind grosszügig bemessene, zugängliche Steigzonen vorgesehen. Nach unten führen die Sanitär-, Heizungs- und Elektrotrassen direkt in den Mittelkorridor des Untergeschosses und werden entlang der dortigen Flachdecke in die Zentralen geführt. Nach Oben führen die Abluftleitungen in die Dachzentrale. Diese ist via dem direkt darunterliegenden Treppenhausschacht über ein hydraulisches Kreislaufverbundsystem mit der Heizzentrale verbunden. Die Wechselrichter der PV-Anlage befinden sich neben der Lüftungszentrale und sind ebenfalls via Treppenhausschacht mit der Elektrozentrale verbunden.

Die Wärmeversorgung der Gebäude erfolgt per Fernwärme, unterstützt von Wärmepumpen, welche die Wärme der Abluft zurückgewinnen. Dies minimiert einerseits die Investitionskosten und erlaubt andererseits einen unterhaltsarmen Betrieb. Es wird eine Wärmeabgabe per Radiatoren vorgeschlagen. Diese Lösung führt zu tiefen Initialkosten und erlaubt eine konsequente Systemtrennung und Nutzungsflexibilität, sowohl in der Planung wie über die Lebensdauer der Gebäude.

Die Frischluftversorgung wird durch ein einfaches Abluftsystem erreicht. Dazu wird in den Bädern und an anderen geeigneten Stellen nahe der zentralen Steigzonen Abluft abgesogen. Die Zuluft wird über in die Fenster integrierte Aussenluftdurchlässe in die Innenräume eingebracht, und durchströmt durch geschickt gewählte Grundrisse und Schlitze unter den Türen alle Räume. Die Abluft wird auf dem Dach zentral gesammelt. Die noch enthaltene Abwärme wird mit dem hydraulischen Kreislaufverbundsystem zurückgewonnen und in Abwärme-Wärmepumpen in den Heizzentralen genutzt.

Dieses einfache Lüftungssystem ermöglicht eine Komfortlüftung, obwohl in den Wohnungen kaum Lüftungskanäle notwendig sind. So können grosse Materialeinsparungen erreicht werden, ohne dass dabei Abstriche beim Komfort gemacht werden müssten.